Über Danzig nach Malborg

Von Gdynia ging es noch ein bisschen weiter an der Küste entlang über den Kurort Sopot, wo ich mich mal wieder durch einige Gassen quälen musste, damit meine Beiden es nicht zu weit zum Strand hatten, bis nach Danzig.

Hier konnte ich dann etwas verschnaufen, während meine Beiden sich die Stadt anschauten. Bis zum Wochenende war diese erstaunlich leer, und dafür um so schöner. Der Stellplatz war ganz nett, direkt am Wasser mit Zugang zur Dusche des Yachthafens.

Was mir aber noch besser gefiel, war dass ich endlich den Öl Wechsel bekommen sollte, der mir schon in Schweden versprochen wurde. Eine Werkstatt war auch schnell gefunden. Auch wenn sie wohl schon länger kein Fahrzeug im besten Alter mehr gesehen haben…. Es werden halt immer nur die Jungspunde gepflegt….. pffffft….. Mit Google-Translate, Händen und Füßen und einem Kunden der etwas Englisch sprach konnten meine Beiden dann auch verständlich machen, dass ich nicht nur frisches Öl bekommen sollte, sondern auch einen neuen Dieselfilter, sowie eine Grundreinigung von Luftfilter und Wasserabscheider. Nur mein Getriebeöl wollten sie dann nicht wechseln.

Eigentlich erstaunlich, dass es nur einen kleinen Schritt neben der Touristenzone, in der jeder Englisch spricht und sehr viele Deutsch sprechen, sprachlich dann doch so schwierig wurde, aber meine Beiden sind ja inzwischen ganz gut trainiert.

Da ich das Getriebeöl erst in Azerbaijan neu bekommen hatte und ich sowieso dafür sorge, dass es regelmäßig erneuert wird, will ich da mal nicht so sein….. Ein bisschen kann ich mich bis zum Getriebeöl-Wechsel noch gedulden.

Die Werkstatt war mit fast allem recht gründlich und so konnte ich mich nach dem obligatorischen Fotos mit einem kleinen Feuerwerk: Puff, Knall und schwarzem Rauch dann auch gebührend verabschieden, denn Bremsenreiniger-Reste im Luftfilter schmecken mir halt ganz besonders gut…. grins…..

Nach der Spa-Behandlung musste ich mir noch ein bisschen die Reifen plattstehen, denn meine Beide zog es wieder die Stadt, die Atmosphäre ist dort einfach so toll…. Ja ja und unser einen lässt man dann einfach mit sich selbst alleine….. Da bleibt mir etwas Zeit um mir ein bisschen was zur Abwechslung einfallen zu lassen…. Dazu aber später mehr.

Am nächsten Tag stand dann noch ein Termin auf dem Programm von meinen Beiden, der einen tiefen Eindruck hinterlassen sollte: der Besuch im Weltkriegsmuseum. Modern und multimedial sehr aufwendig aufbereitet wurden sie über 3,5 Stunden lang durch alle Aspekte des Krieges geführt, lernten, dass nicht nur die Deutschen in Polen gewütet haben, sondern auch die Russen, und was für Helden die Polen doch sind… zugegeben: ein wenig patriotisch war das Museum wohl schon, aber gleichzeitig auch sehr differenziert und weniger „deutschlastig“ als erwartet. Trotzdem bleibt eine Frage noch lange hängen: wie kann es sein, dass meine Beiden heute so freundlich und fröhlich in diesem Land willkommen geheißen werden?

So ein Besuch muss erstmal verdaut werden, und dafür biete ich dann wieder genau den richtigen Schutzraum, zum aufwärmen und um ein spätes Mittagessen einzunehmen. Danach geht es dann noch auf eine letzte Runde durch die Stadt, die aktuelle, schöne, leichte Atmosphäre aufsaugen, denn schon am nächsten Tag geht es weiter, auch hier ist wieder ein Programmpunkt, der viel nachdenkliches mit sich bringt: Ich darf meine Beiden zum KZ Stutthof bringen. Auch wenn ich mir längst was ausgeheckt habe, wie ich meine Langeweile vertreiben kann, hier ist nicht der Platz dafür.

Wegen diesem komischen Virus ist nicht alles zugänglich, trotzdem (oder gerade deswegen?) kehren meine Beiden in einer ähnlichen Stimmung, wie am Vortag wieder zurück. Auch hier hängt wieder die Frage im Raum: ist es möglich, das was hier Menschen mit Menschen gemacht haben überhaupt jemals zu vergeben? Geschweige denn zu vergessen? Auf einmal macht das Konzept der „Erbschuld der Deutschen“ doch irgendwie Sinn, denn hier in der Fremde vertreten meine Beiden ja irgendwie auch immer ein bisschen ihr Heimatland und damit wohl auch seine Geschichte.

Hungrig sind meine Beiden nach dem Besuch irgendwie nicht, obwohl es schon längst Mittagszeit ist. Auf dem Parkplatz von Stutthof, diesem Ort des Gedenkens wollen sie lieber keine Mittagspause machen und so geht es erstmal bis zum Schlafplatz nach Malborg weiter.

Hier, mit ein bisschen Abstand und im Schatten der größten Mittelalterlichen-Backsteinburg der Welt – die Marienburg des Deutschen Ordens – gibt es nicht nur was zu essen und abends ein paar Biere im Mittelalterlichen Biergarten, nein, es relativiert sich auch das eine oder andere gesehene, zumindest ein bisschen. Denn das Mittelalter war auch eine grausame Zeit, in der viel Unrecht, Sklaverei und Morde geschehen sind, doch verbindet man die Burgen heute nicht mehr primär damit. So kann vielleicht die Zeit auch die Wunden des 2. Weltkriegs und der Konzentrationslager irgendwann heilen, so ist dann auch -irgendwann- Vergebung möglich und gegen das Vergessen gibt es viele Orte der Erinnerung, die auch kommenden Generationen hoffentlich den Weg in eine friedliche Zukunft weisen.

Zum Abschluss des Sightseeing Marathons stand dann heute morgen noch ein Besuch der Burg an – reinkommen war nur mit Fiebermessen erlaubt. So sind meine Beiden dann endgültig wieder in der Gegenwart und der aktuellen Krise angekommen, die nach allem Gesehenem der letzten Tage irgendwie nicht mehr ganz so schlimm wirkt.

Nun sind ein paar ruhige Tage in der Natur angesagt. Ich darf meine Beiden nach Masuren bringen, der letzte Stopp in Polen, bevor es dann ins Baltikum weiter geht. Die Sonne scheint, die Stimmung ist bestens, nur muss Patrick natürlich wieder fahren, der Arme…. und da ich nun seit ein paar Tagen nur auf die Gelegenheit gewartet habe, um für ein bisschen Abwechslung zu sorgen ist ein Stau kurz hinter Malborg die perfekte Gelegenheit: Sobald der Motor abgeschaltet wird höre ich noch ein kurzes Flüstern von Patrick „jetzt Gandalf“….. oder habe ich mir das nur eingebildet? Egal: ich bleibe jetzt hier stehen, und fahre erstmal nicht mehr weiter. Nach mehreren Startversuchen ist den Beiden dann aber doch recht schnell klar woran es liegt: der neue Dieselfilter ist nicht gut genug entlüftet und so werde ich dann eben mal schnell im Stau komplett durch entlüftet. 10min später, der Stau beginnt langsam sich auf zu lösen, bin ich dann doch mal gnädig und lasse mich wieder starten. Die Beiden haben doch ein bisschen was von Emre in der Türkei gelernt, so dass auch solche Spässe fast schon langweilig werden. Die restlichen 100km muss Inken fahren, da ich Patrick netterweise ein bisschen was von meinem Öl für seine Finger abgegeben habe. So kann er sich auch mal ein bisschen ausruhen. Ich bringe meine Beiden dann ganz brav zum heutigen Schlafplatz, in Erinnerung an Schweden, und zum Einstieg in Masuren, darf es mal wieder ein einsamer See sein. Nur ein ausgefahrene Feldweg führt hierhin. Man könnte es fast schon als Offroad bezeichnen. Keine anderen Touristen werden hier auftauchen. Ein Platz ganz nach meinem Geschmack. Belohnt werden meine Beiden dann mit einem wundervollen Sonnenuntergang.

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